Pressebericht zum Welttag des Stotterns am 22.10.2009

Wolf von Guttenberg

FranKa auf Erfolgskurs:

Bundesweit erstmals Intensivtherapie für stotternde Kinder und Eltern

 

 

 

Bad Emstal (KST) Im Mai dieses Jahres startete das Institut der Kasseler Stottertherapie in Zusammenarbeit mit dem Schwerpunkt für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universität Frankfurt erstmals in Deutschland die Intensivtherapie FranKa (Frankfurt/Kasseler Konzept) für sechs- bis neunjährige stotternde Kinder.

Mittlerweile haben 12 Kinder mit Vater oder Mutter die Therapie absolviert. In der sich anschließenden Nachsorgephase zeigte sich, dass die Kinder große Fortschritte gemacht haben. Sie sprechen wesentlich flüssiger und genießen es, nicht mehr gehänselt und belächelt zu werden. „Unsere Christina ist wie ausgewechselt. Sie ist jetzt so fröhlich, unbefangen und ausgelassen wie ein siebenjähriges Kind sein sollte. Wir sind nach den sorgenvollen Jahren überglücklich“, so Jürgen Reuter aus dem nordhessischen Calden-Westuffeln.

Das Besondere dieser Intensivtherapie FranKa ist, dass sechs Kinder und ein Elternteil zusammen in einer Gruppe eine Woche lang systematisch und computergestützt ein neues Sprechmuster erlernen und viel über den richtigen Umgang mit dem Problem Stottern erfahren. Die Gruppe wird acht Stunden täglich von drei Therapeuten betreut.

„Speziell für die Kleinsten haben wir die neue Sprechsoftware ‚flunatic junior’ entwickelt. Die Kinder und ihre Eltern trainieren durch verlangsamtes Sprechen, richtige Bauchatmung und weichen Stimmeinsatz das neue Sprechmuster. Der Vater oder die Mutter erfährt ebenso, dass dieses weiche, gebundene Sprechen kein Stottern mehr zulässt. Sie werden in diesem Intensivkurs auch zum Co-Therapeuten ausgebildet. So können sie weiter mit ihrem Kind zu Hause üben und ihnen das neue Sprechen auch im Alltag vormachen. Je früher man therapiert, desto höher sind die Heilungschancen“, so der Leiter des Instituts der Kasseler Stottertherapie, Dr. Alexander Wolff von Gudenberg.

Die Therapeuten kümmern sich auch um die psychischen Folgeprobleme des Stotterns und die nicht unerheblichen Belastungen für Kind und Eltern. Durch die Arbeit in der Gruppe mit Leidensgenossen im selben Alter entwickeln die Kinder rasch ein neues Selbstbewusstsein und nicht selten zum ersten Mal die Motivation, an dem Problem langfristig zu arbeiten. Die Eltern werden angeleitet, ihre Kinder viel zu ermutigen und flüssiges, weiches Sprechen zu belobigen statt negativ zu reagieren und das Stottern nur zu kritisieren.

Die FranKa-Intensivtherapie wird wissenschaftlich begleitet von Prof. Dr. Katrin Neumann, Leiterin des Schwerpunktes für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universität Frankfurt, die bereits seit über 10 Jahren die Kasseler Stottertherapie evaluiert. „Unsere Hirnforschungsergebnisse belegen, dass das sprechmotorische Training der Kasseler Stottertherapie dazu führt, dass die bei Stotterern nachgewiesenen Störungen in der linken Hirnhälfte kompensiert werden, indem benachbarte Hirnregionen stärker aktiviert werden. Bei Kindern ist eine komplette Heilung zu erreichen, wenn die Therapie so früh wie möglich einsetzt“, so Prof. Dr. Katrin Neumann.

Als erste Krankenkasse übernahm die Gmündner ErsatzKasse (GEK) die Kosten für die FranKa-Therapie. Mittlerweile haben sich die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK), die Hamburg Münchener Krankenkasse (HMK) und die Techniker-Krankenkasse angeschlossen. Ansonsten sagten andere Gesetzliche Krankenkassen per Einzelfallentscheidung die Übernahme der Kosten zu.

Unter den 800.000 stotternden Menschen in Deutschland sind 130.000 Kinder und Jugendliche.

Die Forschung der letzten 10 Jahre belegt, dass Stottern ein neurologisches Problem mit hoher Erblichkeit ist. Viele stotternde Kinder durchlaufen einen oft jahrelangen, meist erfolglosen Therapiemarathon mit der Folge, dass sich das Stottern eher verfestigt und die daraus resultierenden psychischen Probleme zunehmen.

*Der Welttag des Stotterns wurde 1997 von folgenden Organisationen ins Leben gerufen:

International Stuttering Association (ISA), The European League of Stuttering Associations (ELSA), International Fluency Association (IFA) und American Speech-Language Hearing Association (ASHA/Division Fluency Disorders).

Quelle: Pressemitteilung der Kasseler Stottertherapie zum Welttag des Stotterns am 22.10.2009