Stotterer tragen ihr Herz auf der Zunge

Neckargemünd. (nah) Einig sind sie sich alle in ihrem Wunsch: Sie wollen als ganz normale Menschen, die ihr Leben meistern und an ihrer Behinderung arbeiten, akzeptiert werden - einfach so, wie sie sind. Das Hör-Sprachzentrum hatte gemeinsam mit der Stotterer-Selbsthilfe Baden-Württemberg zur Ausstellung mit dem Titel "Herz auf der Zunge" eingeladen. Die Fotoausstellung mit Porträts und biografischen Notizen aus der Kindheit von Stotternden gab einen Einblick in die Gefühlswelt der Betroffenen, die sich anders erleben und die sich oft mit Hänseleien konfrontiert sehen.

Gemeinsam mit Jörg Binder von der Stotterer-Selbsthilfe aus Mannheim hatte Direktor Karlheinz Pferdekämper vom Hör-Sprachzentrum zur Vernissage begrüßt. Er empfahl ein Hineinsehen in die Personen, die hinter dem Bild stehen. Um etwas mehr vom Gegenüber zu erfahren, dazu gebe die Fotoausstellung eine tolle Gelegenheit. Auch Jörg Binder von der Selbsthilfegruppe wünschte sich eine Fortsetzung der - wie er betonte - positiven Zusammenarbeit.

Jugendliche des Hör-Sprachzentrums und Mitglieder der Stotterer-Selbsthilfe berichteten in Kurzbiografien, wie sie gelernt haben, mit dem Stottern umzugehen. Es waren gestandene Männer, die im Berufsleben erfolgreich Fuß gefasst haben oder dabei sind, Fuß zu fassen. Jürgen Sandritter zum Beispiel, 60 Jahre alt, Entwicklungsingenieur, verheiratet und Vater von zwei Kindern, berichtete von einigen Therapien. Seit er sich in der Selbsthilfe engagiert, habe sich seine Einstellung zum Stottern gewandelt. Ein Kollege aus der Selbsthilfegruppe, promovierender Biotechnologe, sagte: "Das Beste ist, wenn man sich dem Stottern stellt und dabei sogar Spaß hat." Er schloss seine Ausführungen mit dem Hinweis: "Kommunikation ist bekanntlich mehr als das gesprochene Wort."

Jörg Binder von der Stotterer-Selbsthilfe berichtete über den Hintergrund der Bilderausstellung. "Positive und negative Erfahrungen haben Einfluss auf die Gefühle, die uns Stotterer beim Sprechen begleiten." Die Bilderausstellung, die von der Selbsthilfegruppe in Göttingen als Wanderausstellung konzipiert wurde, will aufklären auch über die Ursachen von Stottern: Stotterer benutzen ihr Gehör anders. Wenn sie ihre Stimme nicht hörten, könnten sie flüssig sprechen. Ursache sei eine genetische Anlage. Wegen winziger Defizite in der linken Hirnhälfte werde auf die rechte Hirnhälfte zum Sprechen ausgewichen, obwohl diese darauf nicht eingerichtet sei.

Die Aktivität müsse mehr in die linke Hirnhälfte verlagert werden und dieser Effekt müsse kontinuierlich aufrechterhalten werden. Hilfreich sei es, einen neuen Sprechrhythmus zu erlernen und mit Hilfe von Therapien zu erlernen, mit der psychischen Anspannung besser umgehen zu können. Die Schulband des Hör-Sprachzentrums gestaltete das Programm musikalisch unter anderem mit dem AC/DC-Powersong "Highway to hell". Die Bilderausstellung ist übrigens noch bis zum 22. Dezember in der Aula des Hör-Sprachzentrums zu sehen.

Rhein-Neckar-Zeitung
8. Dezember 2011